Wolfgang Beltracchi — der Fälscher, den ein Tütchen Farbe verriet
Kunst-Geschichten

Wolfgang Beltracchi — der Fälscher, den ein Tütchen Farbe verriet

17. März 2026

Wolfgang Beltracchi hat über Jahrzehnte Gemälde gefälscht, die für Werke von Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Max Ernst und anderen frühen Expressionisten gehalten wurden. Er verkaufte sie an Galerien, Auktionshäuser und Privatsammler. Fachleute begutachteten die Werke. Museen lehnten Ankäufe gelegentlich ab — nicht wegen Zweifeln an der Echtheit, sondern wegen des Preises.

Was ihn verriet, war nicht ein aufmerksamer Gutachter. Es war Titanweiß.

Wie die Fälschung funktionierte

Beltracchi fälschte nicht die übliche Art und Weise — er kopierte keine bekannten Werke. Er erfand Gemälde. Werke, von denen Kunsthistoriker wussten oder annehmen konnten, dass sie existierten, über die aber keine Dokumentation vorlag. Er füllte die Lücken in Werkverzeichnissen mit eigenen Schöpfungen.

Er kaufte alte Leinwände — er hatte Lagerhäuser voll damit —, er verwendete Pigmente, die aus der richtigen Epoche stammten, er ließ Werke altern, er konstruierte Provenienz. Eine seiner Lieblingsgeschichten: Die Gemälde stammten aus dem Nachlass seines Großvaters, eines fiktiven deutschen Sammlers namens Werner Jägers, der angeblich in der Zwischenkriegszeit bedeutende Expressionisten gesammelt hatte.

Die Fälschungen überzeugten. Nicht weil Beltracchi außerordentlich talentiert wäre — er ist ein guter Maler, aber kein Genie —, sondern weil das System, das sie begutachten sollte, Lücken hatte. Gutachter verlassen sich auf Stilvergleiche, auf Provenienzangaben, auf das Erscheinungsbild der Oberfläche. Wenn all das stimmt, glaubt man.

Das Titanweiß

Im Jahr 2010 ließ Lempertz, ein Kölner Auktionshaus, ein Gemälde naturwissenschaftlich analysieren. Es handelte sich um ein angebliches Werk von Heinrich Campendonk, das es 2006 für 2,88 Millionen Euro verkauft hatte.

Die Analyse der Pigmente ergab: Das Gemälde enthielt Titanweiß — ein Pigment, das in seiner reinen, industriell hergestellten Form erst in den 1940er-Jahren in der Malerei verbreitet war. Das Bild war aber angeblich von 1912.

Titanweiß gab es vor 1940 nicht in dem Gemälde, das Beltracchi gemalt hatte.

Das war das Ende. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, die Fäden wurden gezogen, das Netz brach. 2011 wurden Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene verhaftet. Im selben Jahr bekannten sich beide schuldig — er zu 14 Fällen von Urkundenfälschung und Betrug, sie als Mitarbeiterin. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er deutlich weniger absaß.

Was der Fall über den Kunstmarkt sagt

Der Beltracchi-Fall ist nicht nur eine gute Kriminalgeschichte. Er ist ein Röntgenbild der Schwachstellen im Kunstmarkt.

Schwachstelle eins: Provenienz als Papierarbeit. Wenn ein Werk mit einer plausiblen Geschichte kommt — "aus dem Nachlass eines Sammlers der Zwischenkriegszeit" —, neigen Gutachter dazu, diese Geschichte zu glauben, anstatt sie systematisch zu prüfen. Beltracchi konstruierte seine Provenienzen präzise genug, dass sie der Oberflächenprüfung standhielten.

Schwachstelle zwei: Stilbasierte Begutachtung. Wer entscheidet, ob ein Gemälde "wie ein Campendonk" aussieht? Kunsthistoriker mit tiefer Kenntnis des Werkes. Aber dieser Vergleich ist ein menschliches Urteil, beeinflusst von Erwartungen und vom Wunsch, das zu sehen, was man sehen will. Wenn man weiß, dass das Werk ein Campendonk sein soll, sucht man nach Campendonk — und findet ihn.

Schwachstelle drei: Wirtschaftliche Anreize. Der Markt hat ein Interesse daran, dass ein Werk echt ist. Galerien, Auktionshäuser, Vorbesitzer — alle verdienen, wenn das Werk echt ist und niemand verliert, wenn es echt bleibt. Wer hat das Interesse, die Frage zu stellen?

Was sich seit Beltracchi geändert hat

Die naturwissenschaftliche Analyse von Pigmenten, Bindemitteln und Untergrundmaterialien ist heute Standard bei bedeutenden Werken. Datenbanken, in denen bekannte Fälschungen dokumentiert sind, werden gepflegt. Kunsthistoriker sind sensibilisiert.

Aber der grundlegende Mechanismus — Provenienz als Geschichte, Stilbeurteilung als Urteil, wirtschaftliche Anreize in eine Richtung — bleibt.

Beltracchi hat übrigens nach seiner Entlassung eine neue Karriere eingeschlagen: Er malt Werke unter seinem eigenen Namen, dokumentiert und zertifiziert. Und sie verkaufen sich. Der Name "Beltracchi" ist inzwischen ein Markenzeichen — für das, was er tat, für die Geschichte, die er verkörpert.

Damit hat der Kunstmarkt sich selbst wieder überrascht.

Was Käufer tun können

Die praktische Konsequenz aus dem Beltracchi-Fall ist nicht Panik, sondern Sorgfalt.

Bei zeitgenössischer Kunst ist das Fälschungsrisiko deutlich geringer. Werke lebender Künstler können von diesen selbst authentifiziert werden. Galerien, die direkt mit Künstlern zusammenarbeiten, können lückenlose Provenienz liefern — vom Atelier bis zur Wand.

Bei historischen Werken — besonders aus dem frühen 20. Jahrhundert, aus dem Second Market, aus Nachlässen ohne klare Dokumentation — ist Vorsicht geboten. Wer kauft, sollte nach naturwissenschaftlicher Analyse fragen und nach lückenloser Dokumentation.

Wir arbeiten ausschließlich mit unserer eigenen, zeitgenössischen Kunst — Oliver Lipinski, H. Pastor, A.R. Stern, alle lebend, alle dokumentiert, alle aus unseren Ateliers. Die Provenienzfrage ist damit gelöst, bevor sie entsteht.

Das ist kein Marketing-Versprechen. Das ist das Modell, das Titanweiß-Probleme strukturell ausschließt.

Was von Beltracchi bleibt

Die Geschichte einer Banane für sechs Millionen Dollar amüsiert. Die Geschichte von Beltracchi irritiert auf andere Weise — sie zeigt, wie sehr der Kunstmarkt auf Vertrauen basiert, und wie anfällig Vertrauen für gut konstruierte Geschichten ist.

Das macht das System nicht schlecht. Aber es macht klar, warum Transparenz, Dokumentation und der direkte Bezug zu lebenden Künstlern keine Formalitäten sind, sondern Grundlage für echten Wert.

Was Beltracchi selbst über Fälschungen sagt

In Interviews nach seiner Haftentlassung hat Beltracchi wiederholt eine Position vertreten, die Kunstkritiker und Juristen gleichermaßen irritiert: Er sieht seine Fälschungen als eigenständige künstlerische Leistung. Er habe Werke erschaffen, die von den besten Gutachtern der Welt für authentisch gehalten wurden. Das, so Beltracchi, sei eine eigene Form von Können.

Das ist keine Position, der man uneingeschränkt zustimmen muss. Aber sie stellt eine unbequeme Frage: Was genau macht ein Werk wertvoll — die Pinselführung des Malers oder der Name, unter dem es verkauft wird?

Wenn Beltracchis Gemälde als "Campendonk" Millionen wert sind und unter seinem eigenen Namen tausende Euro, dann sagt das etwas über die Rolle des Namens im Kunstmarkt. Der Name ist ein Bedeutungsträger. Er ist manchmal mehr wert als das Werk selbst. Das ist keine Enthüllung — das ist der Kunstmarkt, wie er funktioniert.

Die Schlussfolgerung daraus ist nicht, dass man dem Kunstmarkt misstrauen sollte. Die Schlussfolgerung ist: Kaufen Sie Kunst, die Sie mögen. Von Galerien, denen Sie vertrauen. Mit Dokumentation, die Sie prüfen können. Dann spielt der Marktmechanismus eine kleinere Rolle.

Echt, dokumentiert, direkt vom Atelier

Bei uns gibt es keine Titanweiß-Überraschungen: unsere eigene Kunst, lebende Künstler, lückenlose Herkunft. Wenn Sie Originale mit sauberer Dokumentation für Ihr Büro suchen, sind wir dafür der richtige Partner — seit fast 35 Jahren in Berlin. Lassen Sie sich von uns beraten: Kunst mieten, kaufen oder leasen, die ersten 14 Tage kostenlos.

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Eine Banane für 6,2 Millionen Dollar
Kunst-Geschichten

Eine Banane für 6,2 Millionen Dollar

20. Juli 2025

Am 20. November 2024 hob Justin Sun, ein chinesischer Kryptounternehmer und bekannter Medienprovokatör, bei Sotheby's in New York sein Bietpaddel für ein Kunstwerk, das aus einer Banane und einem Stück Klebeband besteht. Der Zuschlag: 6,2 Millionen Dollar, plus Gebühren.

Das Werk heißt "Comedian". Der Künstler ist Maurizio Cattelan — der Mann, der schon einen goldenen Toilettenblock in einem Museum platzierte und eine Skulptur namens "America" nannte. Die Banane ist nicht besonders. Es ist eine gewöhnliche Banane aus dem Supermarkt.

Das Klebeband auch.

Was man kauft, wenn man eine Banane kauft

Hier beginnt das Gespräch, das "Comedian" provozieren soll. Was hat Justin Sun für 6,2 Millionen Dollar erworben?

Nicht die Banane. Die verfault. Die erste Banane des Werkes — bei der Erstpräsentation auf der Art Basel Miami 2019 — musste nach wenigen Tagen ersetzt werden. Cattelan hatte das eingeplant. Das Werk enthält ein "Certificate of Authenticity", das beschreibt, wie das Werk installiert und bei Bedarf erneuert werden soll: neue Banane, neues Klebeband, gemäß Anweisungen des Künstlers.

Was Sun kaufte, ist das Zertifikat. Die Idee. Die Anweisung. Die Geschichte, die das Werk trägt.

Und dann aß er die Banane. Öffentlich, vor Kameras. "Lecker", sagte er. Das war Teil des Plans — zumindest seines Plans.

Ist das Kunst? Die falsche Frage

Die Debatte, die "Comedian" entfacht, ist immer dieselbe: "Das ist keine Kunst!" / "Doch, das ist es!" Die Frage ist ehrlich gesagt nicht sehr interessant, weil sie keine lösbare Antwort hat.

Die interessantere Frage: Was macht dieses Objekt, das keine traditionelle ästhetische Qualität hat und buchstäblich organisch verfällt, zu etwas, das Sotheby's auf den Markt bringt und das Menschen für Millionen kaufen?

Antwort: Das Kunstsystem. Die Institutionen, Institutionen, Institutionen.

Was ein Kunstwerk von einer Banane unterscheidet, ist nicht die Banane. Es ist die Geschichte, die das Kunstsystem um die Banane gebaut hat. Cattelan ist ein anerkannter Künstler — seine Werke hängen in Museen, wurden von seriösen Kuratoren besprochen, haben Provenienz. Diese Anerkennung überträgt sich auf alles, was er als Werk bezeichnet. Das ist kein Betrug. Das ist, wie der Kunstmarkt seit Marcel Duchamp 1917 sein Urinal in eine Galerie stellte, funktioniert.

Was das mit dem Rest des Kunstmarktes zu tun hat

Sehr wenig — und sehr viel.

Sehr wenig, weil die meisten Transaktionen auf dem Kunstmarkt nichts mit Cattelan-Bananen zu tun haben. Sie betreffen sorgfältig ausgeführte Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, die ästhetische Qualität, handwerkliches Können und künstlerische Originalität verbinden. Das ist der Kern des Marktes, auch wenn er weniger Schlagzeilen macht.

Sehr viel, weil Transaktionen wie diese dazu beitragen, dass der Kunstmarkt regelmäßig in der Nachrichtensendung erscheint. Und jedes Mal, wenn jemand "eine Banane für 6,2 Millionen Dollar" in den Nachrichten sieht, stellt er sich die Frage, die Cattelan stellen will: Was ist Kunst eigentlich wert? Und wer entscheidet das?

Diese Fragen — auch wenn sie von einem bewussten Provokateur aufgeworfen werden — sind nicht dumm.

Was Kunst wert ist

Es gibt keine objektive Antwort auf die Frage, was ein Kunstwerk "wirklich" wert ist. Das gilt für die Banane und für ein Rembrandt-Gemälde gleichermaßen.

Was den Preis bestimmt: Ruf des Künstlers, Seltenheit, Provenienz, aktuelle Nachfrage, institutionelle Anerkennung, Marktlage, und — ja — der Zufall, wer gerade bietet. Justin Sun hat öffentlich erklärt, er habe die Banane als Marketing-Aktion gesehen, um seine Kryptobörse in den Medien zu halten. Als Mediainvestition hat das funktioniert. Der Tausende von Artikeln, die über den Kauf geschrieben wurden, kosten mehr als 6,2 Millionen Dollar, wenn man sie als Werbeplatz kaufen wollte.

Das ist nicht zynisch. Das ist eine andere Art von Kalkulation.

Was das für Kunstkäufer ohne acht Stellen bedeutet

Die Geschichte der 6,2-Millionen-Dollar-Banane macht deutlich, warum viele Menschen dem Kunstmarkt gegenüber skeptisch sind. Zu Recht. Der Hochpreismarkt funktioniert nach Regeln, die mit ästhetischem Urteilsvermögen nur indirekt zu tun haben.

Aber der Markt für zeitgenössische Kunst außerhalb des Auktionshauses sieht anders aus. Dort entscheidet nicht der Ruf von Cattelan oder die Spekulation von Justin Sun — dort entscheidet, was ein Werk in dem Raum tut, in dem es hängt. Wie es wirkt. Was es dem Betrachter gibt.

Das ist Kunst in ihrer basalen Form, unabhängig von Marktmechanismen. Und sie ist zugänglich — für weit weniger als 6,2 Millionen Dollar.

Was Cattelan vorher schon gemacht hat

"Comedian" ist kein Ausrutscher. Es passt in ein Werk, das konsequent das Medium in Frage stellt, in dem es operiert.

Cattelan hat den Papst mit einem Meteoriten erschlagen (Skulptur "La Nona Ora", 1999). Er hat einen Teenager, der Hitler ähnelt, auf Knien gezeigt ("Him", 2001). Er hat Adolf Hitler in der Synagoge von Warschau knien lassen. Er hat einen goldenen Toilettenblock installiert und ihn "America" genannt — mit dem Angebot, ihn in der Guggenheim-Toilette zu benutzen. Das Original wurde 2019 aus dem Blenheim Palace gestohlen und nie wiedergefunden.

Was diese Werke eint: Sie nehmen Objekte, die jeder kennt, und stellen sie in einen Zusammenhang, der das Vertraute fremdartig macht. Der Toilettenblock ist aus Gold — und trotzdem eine Toilette. Die Banane ist an der Wand — und trotzdem verrottende Frucht. Die Geste ist simpel. Das, was sie auslöst, ist es nicht.

Ob das "Kunst" ist, entscheidet jeder für sich. Ob es wirkt — das entscheidet der Effekt auf den Betrachter.

Was eine Banane lehrt

Wenn man die Cattelan-Geschichte mit etwas Abstand betrachtet, bleibt eine Erkenntnis: Kunst lebt von Aufmerksamkeit. Von Gesprächen, die sie auslöst. Vom Nachdenken, das sie erzwingt.

"Comedian" ist ein extrem effizientes Gesprächsstarter-Objekt. Es hat Millionen von Menschen dazu gebracht, über Kunstmarkt, Wert, Inszenierung und Institutionen nachzudenken. Das ist nicht nichts.

Aber man braucht keine Provokation, um diesen Effekt in kleinerem Maßstab zu erzielen. Ein Originalgemälde im Büro, das Besucher bemerken, über das Gespräche entstehen — das ist Kunst, die funktioniert. Ohne Klebeband, ohne Millionen, ohne Sotheby's.

Wir helfen dabei, genau das zu finden: Werke aus unseren eigenen Ateliers, die eine Reaktion auslösen, ohne eine Erklärung zu brauchen. Kunstmiete ab 25 Euro im Monat. Die Banane ist nicht im Angebot.

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Das Bild, das sich selbst zerstörte — und dadurch 20 Mal wertvoller wurde
Kunst-Geschichten

Das Bild, das sich selbst zerstörte — und dadurch 20 Mal wertvoller wurde

11. Mai 2025

Am 5. Oktober 2018 fiel der Hammer bei Sotheby’s in London. 1,04 Millionen Pfund für "Girl with Balloon" von Banksy — ein Werk, das der Anonyme schon 2006 auf einer Londoner Hauswand gesprüht und das seither in verschiedenen Versionen als Druck und Leinwand existiert hatte. Die Bieter klatschten, das Werk wurde verpackt, und dann passierte es.

Ein Alarm ertönte. Der Rahmen begann zu rattern. Und vor den Augen des Saales begann das Gemälde, durch einen im Rahmen versteckten Schredder zu laufen.

In Sekunden war die untere Hälfte in Streifen zerfallen. Dann blieb das Werk stecken — halbzerstört, halb intakt.

Banksy postete später ein Video auf Instagram. "Geht nicht in die Freiheit."

Was danach kam

Die neue Besitzerin — eine europäische Sammlerin, die anonym blieb — hätte den Kauf anfechten können. Sotheby’s bot die Möglichkeit an. Sie lehnte ab.

Drei Jahre später, im Oktober 2021, wurde das Werk — jetzt umbenannt in "Love is in the Bin" — erneut bei Sotheby’s versteigert. Diesmal vollständig eingeschreddert, in den Streifen hängend, als neues Werk authentifiziert. Der Erlös: 18,58 Millionen Pfund.

Das 18-fache des ursprünglichen Preises. In drei Jahren.

Wie das möglich ist

Die naheliegende Erklärung: der Skandal hat das Werk berühmt gemacht, und Berühmtheit im Kunstmarkt zieht Käufer an. Das stimmt.

Aber die vollständige Geschichte ist komplizierter. "Love is in the Bin" ist nicht dasselbe Werk wie "Girl with Balloon". Es ist ein neues Werk — entstanden durch den Akt der Zerstörung. Die Zerstörung ist Teil des Werkes geworden. Das, was Banksy als Kommentar auf den Kunstmarkt inszeniert hatte ("Wer kauft, zerstört"), wurde paradoxerweise zum Bestandteil eines noch teureren Werkes.

Banksy kommentierte das später selbst, trocken und präzise: "In der Vergangenheit, wenn ich versuchte, ein Werk zu zerstören, hat es seinen Wert gesteigert."

Das ist keine ironische Anmerkung am Rand. Das ist eine Beobachtung über die innere Logik des Hochpreis-Kunstmarktes, die nichts mit Ästhetik zu tun hat.

Was Banksy über den Kunstmarkt sagt

Banksy existiert als persona, als Gesamtkunstwerk — die Anonymität, die Straßenkunst, die Anti-Establishment-Geste. Alles ist Positionierung. Das macht seine Kritik am Kunstmarkt nicht unehrlich, aber es macht sie komplex.

Denn Banksy operiert innerhalb des Systems, das er kritisiert. Seine Werke werden bei Sotheby’s versteigert. Sein Werk "Devolved Parliament" (Schimpansen im House of Commons) erzielte 2019 über neun Millionen Pfund. Er ist einer der bekanntesten und teuersten lebenden Künstler der Welt — selbst wenn niemand weiß, wer er ist.

Die Selbstzerstörung von "Girl with Balloon" war kein Angriff auf den Kunstmarkt. Sie war eine Performance innerhalb des Kunstmarktes, die diesen Markt stärker machte, nicht schwächer.

Das ist nicht zynisch. Es ist nur ehrlich.

Was das über Wert im Kunstmarkt sagt

Die Geschichte legt etwas frei, das viele Menschen beim Kunstmarkt unbequem finden: Wert ist keine Eigenschaft des Objektes. Wert ist das Ergebnis von Aufmerksamkeit, Geschichte, Institutionen und — zunehmend — medialer Erzählung.

Ein Gemälde, über das niemand spricht, das nirgendwo ausgestellt war, das kein Auktionshaus kennt — dessen Wert ist schwer zu bestimmen. Dasselbe Gemälde, das in der Tate Modern gehangen hat, das in Büchern erwähnt wurde, das auf einer Auktion stand, gewinnt Wert nicht durch seine Qualität, sondern durch seine Geschichte.

Das ist beim Hochpreismarkt besonders sichtbar. Aber die Grunddynamik gilt auch im mittleren Segment.

Wie lange hatte Banksy das geplant?

Länger als man denkt. Das ist vielleicht der faszinierendste Teil der Geschichte.

Nach dem Vorfall bei Sotheby’s veröffentlichte Banksy ein Video, in dem er zeigte, wie er den Schredder in den Rahmen eingebaut hatte — Jahre zuvor, in Vorbereitung auf genau diesen Moment. Der Rahmen war speziell angefertigt worden, der Mechanismus wurde per Fernbedienung ausgelöst. Und: Er hätte das gesamte Bild schreddern sollen, nicht nur die Hälfte. Die Batterien versagten auf halber Strecke.

Was das bedeutet: Der Effekt — halbzerstört, halbintakt — war ein Zufall. Banksy hatte eine komplette Zerstörung geplant. Stattdessen bekam die Welt ein Werk, das in seiner halbfertigen Beschädigung eine andere, vielleicht stärkere Aussage hatte als ein vollständig zerschnittenes Bild.

Der Kunstmarkt hat das Ergebnis höher bewertet als das Original. Ob Banksy das so vorhergesehen hat, ist offen. Was sicher ist: Er hat es nicht verhindert.

Was das für Kunstkäufer bedeutet — der pragmatische Teil

Wenn Sie Kunst kaufen, kaufen Sie auch eine Geschichte. Bei Banksy ist das die Geschichte der Straßenkunst, der Anonymität, der Provokation. Bei einem zeitgenössischen Galeriekünstler ist es die Geschichte seiner Entwicklung, seiner Ausstellungen, seiner Anerkennung.

Diese Geschichte ist nicht nebensächlich — sie ist ein Teil des Wertes. Und sie sollte übertragbar sein: durch Zertifikate, Dokumentation, Galerierechnung, Ausstellungshistorie.

Wer bei einer seriösen Galerie kauft, kauft mit. Was bei Kunstmessen oder dubiosen Online-Plattformen fehlt, ist genau das: die dokumentierte Geschichte, die dem Werk folgt.

Für alle Werke, die wir verkaufen, stellen wir vollständige Dokumentation aus — Echtheitszertifikat, Maße, Entstehungsjahr, Kurzvita des Künstlers. Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht überall.

Was bleibt, wenn das Schreddern aufhört

Die Geschichte von "Love is in the Bin" ist eine gute Geschichte. Sie ist lustig, intelligent und absurd auf einmal. Und sie ist ein präzises Röntgenbild des Hochpreis-Kunstmarktes.

Was sie über den Rest des Marktes sagt — über die Galerie um die Ecke, über das Originalgemälde, das in einer Berliner Kanzlei hängt —: relativ wenig. Dieser Teil des Marktes funktioniert anders. Hier geht es nicht um Spektakel. Es geht darum, was ein Werk mit einem Raum macht. Mit den Menschen, die täglich daran vorbeigehen.

Und noch etwas: Banksys Geschichte fasziniert, weil sie Widersprüche inszeniert. Kunst die sich zerstört. Wert der durch Zerstörung entsteht. Anonymität die zur Berühmtheit führt. Diese Widersprüche sind unterhaltsam als Mediengeschichte. Als Grundlage für eine eigene Entscheidung — was hänge ich in mein Büro, was kaufe ich, worauf kommt es mir an — taugen sie wenig.

Wer Kunst wirklich in seinen Alltag einbinden will, sucht das Gegenteil von Spektakel. Er sucht etwas, das bleibt. Das jedes Mal wirkt, wenn man daran vorbeigeht, ob man es sieht oder nur spürt. Ein gutes Gemälde tut das — ohne Schredder, ohne Auktionshaus, ohne Pressemitteilung.

Das lässt sich nicht schreddern.

Kunst, die bleibt — von uns

Kein Schredder, kein Spektakel: Wir bringen Ihnen Werke an die Wand, die jeden Tag wirken — aus dem eigenen Atelier, mit vollständiger Dokumentation. Seit fast 35 Jahren beraten wir Berliner Unternehmen und Privatpersonen. Lassen Sie sich von uns beraten: Kunst mieten, kaufen oder leasen, die ersten 14 Tage kostenlos.