Was ist abstrakte Kunst? Eine Erklärung ohne Kunstgeschichtsstudium
Oktober 2026
1911 malte Wassily Kandinsky ein Aquarell ohne erkennbaren Gegenstand. Keine Landschaft, keine Figur, kein Stillleben. Nur Farbe und Form. Kunsthistoriker streiten bis heute, ob das Blatt wirklich von 1911 stammt oder Kandinsky es später zurückdatiert hat, um der Erste gewesen zu sein.
Dabei hatte die schwedische Künstlerin Hilma af Klint bereits 1906 abstrakte Gemälde geschaffen. Ihre Bilder zeigten Spiralen, geometrische Formen und leuchtende Farben, lange bevor Kandinsky mit seinen abstrakten Kompositionen berühmt wurde. Doch kaum jemand kannte ihre Arbeiten. Sie hielt einen Großteil davon unter Verschluss.
Und selbst af Klint war möglicherweise nicht die Erste. Die Britin Georgiana Houghton schuf schon in den 1860er-Jahren Zeichnungen, die heute als Vorläufer abstrakter Kunst gelten.
Der Streit um die erste Abstraktion sagt mehr über die Kunstwelt als über die Kunst. Für alle anderen ist die Frage einfacher: Was sieht man da eigentlich, und was heißt Abstraktion in der Kunst überhaupt?
Abstrakt heißt: weggenommen
Das Wort kommt vom lateinischen abstrahere — abziehen, wegnehmen. Genau das passiert. Der Maler nimmt weg, was die Dinge erkennbar macht, und behält, was übrig bleibt: Farbe, Form, Rhythmus, Fläche, Bewegung.
Es gibt dabei zwei Richtungen, und die zu kennen hilft beim Schauen.
Bei der Abstraktion geht der Maler von etwas Sichtbarem aus und vereinfacht es Schritt für Schritt. Ein Baum wird zu einer senkrechten Form mit grünen Flächen, dann zu einer Linie mit Farbfeldern, am Ende zu einer Bewegung. Das Ausgangsmotiv steckt noch drin, auch wenn man es nicht mehr benennen kann.
Bei der gegenstandslosen Malerei gibt es kein erkennbares Motiv aus der sichtbaren Welt. Das Bild muss keinen Gegenstand darstellen. Farbe, Form und Fläche können für sich selbst stehen, aber auch Gefühle, Gedanken oder unsichtbare Zusammenhänge ausdrücken.
Hilma af Klint ist dafür ein gutes Beispiel. Ihre abstrakten Bilder sollten etwas sichtbar machen, das man mit den Augen gerade nicht sehen kann: spirituelle Kräfte, kosmische Ordnungen und Zusammenhänge zwischen Mensch und Universum. Ihre Kunst war gegenstandslos, aber deshalb keineswegs bedeutungslos.
In der Praxis ist die Grenze weich, und die meisten Werke liegen irgendwo dazwischen. Bei den Arbeiten von A.R. Stern etwa erkennt man oft noch Horizonte und Raumtiefe, ohne dass eine konkrete Landschaft gemeint wäre.
Woran man abstrakte Kunst erkennt
Kein Motiv, das man benennen kann. So weit die kurze Antwort. Hilfreicher sind die Dinge, auf die man stattdessen achtet:
Die Komposition. Wo liegt das Gewicht im Bild? Zieht etwas den Blick nach oben links, oder liegt die Masse unten? Ein Bild kann ruhig stehen oder kippen, und das ist eine Entscheidung des Malers, keine Zufälligkeit.
Der Strich. Breit oder fein, schnell oder gesetzt, mit dem Pinsel, dem Spachtel oder geschüttet. Bei H. Pastor sieht man vor allem Breite und Tempo: Striche, die in einem Zug über einen großen Teil der Leinwand gehen und dort enden, wo die Bewegung zu Ende war.
Das Format. Hochformat beruhigt, Querformat weitet, Quadrat wirkt gesetzt. Großformate verändern einen Raum, kleine Formate laden zum Nähertreten ein.
Was weggelassen wurde. Oft die interessanteste Frage. Wo endet die Farbe, wo bleibt die Leinwand frei, wo bricht eine Linie ab?
Der Satz, den wir am häufigsten hören
„Das könnte mein Kind auch.“
Verständlich, und trotzdem daneben. Nicht weil die Technik so schwer wäre — manche Arbeiten sind technisch tatsächlich einfach. Sondern weil der Satz unterstellt, es gehe ums Können. Es geht um Entscheidungen. Welche Farbe neben welche, wann aufhören, was stehen lassen. Ein Kind hört auf, wenn das Blatt voll ist. Ein Maler hört auf, wenn das Bild stimmt, und das kann nach zwanzig Minuten oder nach vier Monaten sein.
Dazu kommt ein praktischer Punkt, der im Büro den Ausschlag gibt: Abstrakte Bilder geben selten eine eindeutige Geschichte vor. Ein Landschaftsbild ist eine bestimmte Landschaft. Ein Porträt ist ein bestimmter Mensch. Beide nehmen Partei. Ein abstraktes Bild lässt dem Betrachter Raum — und in einem Empfangsbereich, durch den jeden Tag dreißig verschiedene Menschen gehen, ist das ein echter Vorteil.
Die wichtigsten Namen, in drei Absätzen
Hilma af Klint gehört zu den frühesten Pionierinnen der abstrakten Malerei. 1906 begann sie ihre Serie „Urchaos“ mit Spiralen, Kreisen und organischen Formen. Ein Jahr später entstanden „Die zehn Größten“, zehn monumentale Gemälde über die Lebensphasen des Menschen, teilweise mehr als drei Meter hoch. Af Klint beschäftigte sich intensiv mit Spiritualität und Theosophie. Sie verstand ihre Bilder als Ausdruck einer unsichtbaren Wirklichkeit. Anders als ihre später berühmt gewordenen Kollegen stellte sie ihre abstrakten Arbeiten kaum öffentlich aus. Erst 1986 wurden sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Heute muss die Geschichte der abstrakten Kunst auch ihretwegen neu erzählt werden.
Kandinsky, Mondrian und Malewitsch gelten als die Pioniere der 1910er-Jahre. Jeder kam von einer anderen Seite: Kandinsky über Farbe und Musik, Mondrian über die strenge Reduktion auf Senkrechte und Waagerechte, Malewitsch über die radikale Geste — sein „Schwarzes Quadrat“ von 1915 ist bis heute eines der meistdiskutierten Bilder der Moderne.
Nach 1945 verlagerte sich das Zentrum nach New York. Jackson Pollock legte die Leinwand auf den Boden und ließ Farbe darauf tropfen. Mark Rothko malte große, schwebende Farbfelder, vor denen Besucher bis heute weinen. In Deutschland arbeitete Gerhard Richter ab den 1970er-Jahren an abstrakten Bildern, später auch mit dem Rakel — und wurde zu einem der teuersten lebenden Maler der Welt.
Was ein abstraktes Bild mit dem Betrachter macht, warum manche Menschen vor Rothkos Farbflächen weinen und welche Rolle Kontrast und Komplexität dabei spielen, steht im Schwesterartikel: Warum abstrakte Bilder etwas mit uns machen.
Wenn Sie abstrakte Kunst ausprobieren wollen
Es gibt einen Grund, warum abstrakte Malerei in Büros, Kanzleien und Praxen so häufig hängt: Sie funktioniert in Räumen, in denen täglich fremde Menschen sitzen. Sie beansprucht keine Zustimmung.
Die ehrliche Schwierigkeit dabei: Ob ein bestimmtes Bild in einen bestimmten Raum passt, sieht man nicht im Katalog und nicht am Bildschirm. Dafür muss es hängen. Deshalb liefern wir Originale 14 Tage lang zur Probe ins Büro, kostenlos und ohne Kaufzwang — Kunstmiete beginnt bei 25 Euro im Monat. Wer sich lieber dauerhaft entscheidet, kann die Werke auch kaufen.
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